Flowers

Interview – Christoph Nowak

Torwarthandschuhe in der Historie – Neuzeit – Zukunft

Hallo Christoph, in Fachkreisen bist du als Handschuhpapst (Torwarthandschuhpapst) und renommierter, auch sehr direkter sowie ehrlicher Kontaktmann von Torhütern, Torwarttrainern und Experte für deren Handwerkszeug bekannt. Aus diesem Grund freuen wir uns, heute mit dir über deine Leidenschaft sprechen zu dürfen.

Christoph, erzähl uns doch mal, wie deine Leidenschaft zum Torwarthandschuh entstanden ist und warum du nicht nur unter Profis als „Handschuhpapst“ bekannt bist?

Das stimmt. Daher kommt ja auch der Markenname „POPE’s Goalkeeper Gloves“. Ich habe eine Lehre im Textilbereich absolviert, da ging es um die Herstellung von Vliesstoffen für Industriefilter. In meinem Ausbildungsbetrieb gab es auf diesem Gebiet eine richtige, weltweit anerkannte Koryphäe, der „Der Filterpapst“ genannt wurde. Da ich damals im Kollegenkreis schon ständig über Torwarthandschuhe gesprochen und auch die Sondermodelle der Profis gesammelt habe, wurde ich irgendwann zum „Handschuhpapst“.

Christop Nowak - Lloris Karius
Lloris Karius & Christoph Nowak

Als Fachmann beschäftigst du dich schon viele Jahre mit Torwarthandschuhen, kannst du uns beschreiben, wie deine allerersten Handschuhe aussahen?

Mein erstes Paar Torwarthandschuhe war noch ein richtiger Klassiker, ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern, es bestand aus rotem Strickmaterial mit aufgenähten Streifen aus Tischtennisschläger-Noppen.

Torwarthandschuhe
Christoph’s erste Handschuhe (Symbolbild)

Infolge deiner Leidenschaft konntest du dein Hobby zum Beruf machen, wie kam es zu diesem Schritt?

Ich fing an, Handschuhe der Profitorhüter zu sammeln. Mein erstes Paar bekam ich 1987 von Bayern-Schlussmann Raimond Aumann. Ich habe dann bald festgestellt, dass die Profis ganz andere Handschuhe hatten, als die, die man kaufen konnte. Ich bin oft zu Trainings und Spielen nach München gefahren, zum Teil habe ich sogar die Schule für ein Bayern-Training geschwänzt. Dort habe ich viel mit den Torhütern gesprochen.

Mitte der 90er-Jahre rief meine Sammlung Interesse bei adidas hervor. Das Unternehmen wollte auf dem Torwarthandschuhmarkt vorankommen und engagierte mich als Berater. Mit den Profitorhütern Uwe Gospodarek (Bayern München) und Philipp Laux (SSV Ulm 1846) im Schlepptau haben wir damals vieles aufgebaut und entwickelt. Meine Stärke war schon damals der direkte Kontakt zu den Profis, den wollten damals aber manche, mächtige Kräfte bei adidas unterbinden und selbst die Lorbeeren einfahren oder den „Nikolaus“ bei der Produktübergabe spielen. Ich denke, so ein internes Konkurrenzdenken ist bei solchen Konzernen heute sogar noch viel schlimmer.

Später arbeitete ich unter anderem auch für PUMA, es war eine tolle Zeit mit dem damaligen Produktmanager Ralf Metzenmacher. Auch da haben wir es mit Torwart Daniel Eschbach vom 1. FC Köln in die Bundesliga geschafft. 2018 gründete ich, nach zehn Jahren im Marketing eines österreichischen Torwartbedarf-Onlinehandels, dessen Geschäftsführung meiner Ansicht nach irgendwann den Blick für die Realitäten sowie die Bodenhaftung verlor und heute nur noch ein Ableger des Branchengiganten 11Teamsports ist, dann mit drei Freunden mein eigenes Handschuh-Label.

Tim Wiese - POPEs und Christoph Nowak
Tim Wiese & Christoph Nowak

Aufgrund deiner langjährigen Erfahrungen bist du einer der wenigen Experten auf dem Handschuhmarkt, daher würden wir gern von dir einige Fachbegriffe erklärt bekommen:

Duo-Belag:

Dabei handelt es sich um einen Haftschaum aus zwei Komponenten. Die eine Seite ist die klassische Handinnenfläche, die andere Seite hat auch zur Hand hin im Handschuh eine Latexbeschichtung, die zwischen einer Rillen- und einer glatten Komplettlösung, auf letztere schwört Yann Sommer, variiert.

Unterschied Keile und Schichtel:

Schichtel sind die Einsätze zwischen den Fingern, sie können aus Latex, Mesh oder PU bestehen, Keile sind die Einsätze zwischen Innen- und Oberhand an den Außenseiten der Hand. Diese können als kurze oder lange Version eingearbeitet, aber auch ganz weggelassen werden.

Unterschied langer und kurzer Innenhandschnitt:

Ein kurzer Schnitt endet ungefähr an der obersten Raszette, an der untersten. Raszetten sind die „Lebenslinien“ an der Innenseite des Handgelenks.

Über die Jahre konntest du so viele Torhüter ausstatten und betreuen, welcher Profitorhüter blieb dir besonders im Gedächtnis und warum?

Es gab viele, extrem schöne Momente, auch arbeitgeberübergreifend. Das jeweils erste Bundesligaspiel, der erste Champions-League-Einsatz, das erste Länderspiel, das POPE ́s-Profidebüt 2018 im Frankenderby. Ich versuchte, da immer live im Stadion dabei zu sein, was mir in vielen Fällen auch gelang.

Es sind unbeschreibliche, durchaus auch sehr emotionale Momente, wenn man die National- oder Champions- League-Hymne hört und das „eigene“ Produkt ist mit dabei. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das berührt mich dann nicht. Besonders in Erinnerung ist mir der Tag vor dem Champions-League-Debüt von Timon Wellenreuther, damals FC Schalke 04, gegen Real Madrid. Wir saßen zur Mittagszeit im Vapiano in Essen, haben uns Nudeln bestellt. Obwohl er ein Schalke-Shirt anhatte, erkannte ihn keiner. Der Einsatz kam ja an sich völlig unerwartet. Er war ein junger Kerl, total cool und die Ruhe selbst. Ich war wahrscheinlich viel nervöser als er, habe verstohlen zu ihm `rübergeschaut und nur so, vor meinem geistigen Auge Ronaldo und Konsorten sowie deren unfassbare Qualität im Blick, gedacht „Alter, weißt Du eigentlich überhaupt, wer und was da morgen auf Dich zukommt.“

Christoph Nowak und Gigi Buffon
Christoph Nowak & Gigi Buffon

Viele Profis tragen heute spezielle Sondermodelle,war dies in früherer Zeit auch so?

Jap, das war schon immer zu, zumindest, seit ich im Geschäft dabei bin.

Christoph Nowak mit Kevin Trapp und Bernd Leno
Christoph Nowak mit Kevin Trapp und Bernd Leno

Welche Besonderheiten fallen dir da sofort ein? Kannst du uns einen kleinen Abriss über Besonderheiten bekannter Torhüter geben?

Oliver Kahn hatte bei adidas immer einen Handschuh mit Regular Cut, der zudem aus extrem stabilen Materialien gefertigt war, fast schon steif. Ich habe sogar noch ein original Paar hier. Man sagt, er wollte auf dem Höhepunkt seiner Karriere auch keine gewaschenen Handschuhe mehr tragen, sondern zu jedem Training und Spiel ein neues Paar. Verwenden. So kam in Verein und Nationalmannschaft ein Saisonbedarf von rund 400 Paaren zusammen. Seine Beläge wurden seinerzeit vor dem Vernähen sogar ausgewaschen.

Christop Nowak - Oliver Kahn
Christoph Nowak & Oliver Kahn
Oliver Kahn - Sondermodell
Oliver Kahns Sondermodell

In den letzten Jahren hat sich der Handschuhmarkt rasant verändert, wie siehst du diese Entwicklung?

Entwicklung bedeutet Fortschritt, diesen sehe ich jedoch bei vielen renommierten Marken nicht, viele kleinere hingegen machen einen immer besseren Job. Aber es gibt dort auch immer mehr Plagiatoren oder windige Typen, die vermeintliche Qualitätsstandards offerieren, die gar nicht realistisch sein können. Vielleicht wird die aktuelle Corona-Krise diesbezüglich auch eine reinigende Wirkung des Business bewirken.

Die alten schwäbischen Handschuhmacher rieten zum Beispiel, die Torwarthandschuhe eine halbe Nummer größer zu wählen, da ansonsten zu viel Spannung auf den Nähten wäre und diese reißen. Das ist ganz einfache Physik, adidas zum Beispiel geht aber seit einiger Zeit genau den umgekehrten Weg und wundert sich über extrem viele Reklamationen.

Manche vermeintliche „Innovationen“ sind von den Nähereien in der Serienproduktion gar nicht in der erforderlichen Qualität umzusetzen. Ganz ehrlich, was bietet denn zum Beispiel Strickmaterial für Vorteile? Keine, es ist doch einfach nicht trageangenehm. reusch hatte sowas schon um 1980 herum, etwas später einen fast identischen Vorläufer der späteren „ZONES-Technologie“ von adidas, die sich auch nicht nachhaltig durchgesetzt hat und schneller verschwand, wie sie gekommen ist. Oder wir erinnern uns alle noch sehr genau an das Desaster mit dem ersten Handschuhmodell ohne Strap von NIKE.

Wo liegen deiner Ansicht nach die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung?

Wie gesagt: Gibt es denn wirklich Vorteile? Nachteile sind inzwischen zum Teil abnorme Kosten für den Endverbraucher. uhlsport bietet ein Modell, das nichts Besonderes verkörpert, für unfassbare 200,– € an. Dafür bekommt man bei POPE ́s in der Regel vier Paar mit einem ehrlicheren Haftschaum.

Im Zuge der Entwicklung verlagerte sich die Produktion der Torwarthandschuhe nach Fernost? Wie sind deine Erfahrungen mit den asiatischen Herstellern? Positiv oder trauerst du den „Made in Germany“ Zeiten nach?

Pakistan war schon immer ein Land der Sportartikelherstellung, ich finde die Entwicklung der allgemeinen Produktionsstandards dort absolut positiv. Gerade für kleinere Serien, wir wollen unseren Kunden ja auch viel Abwechslung bieten, ist die Fertigung dort perfekt.

Vor zehn Jahren hätte ich mir jedoch nicht einmal ansatzweise vorstellen können, dort zu produzieren. Unsere Supplier dort sind top Firmen mit allen sozialen Standards, darauf legen wir größten Wert. Allerdings ist es schon so, dass man stets ein bisschen aufpassen muss, nicht hinter ́s Licht geführt zu werden; es ist förderlich, den Fortgang der Dinge dort stets mit einem leichten Nachdruck zu begleiten.

China gibt es als Herstellungsland im Torwarthandschuhbereich auch noch. Die noch verbliebenen chinesischen Hersteller sind sehr akribisch, aber auch extrem teuer. Das merkt man deutlich bei den Preisen von NIKE, reusch oder uhlsport.

Als einer der erster und innovativsten, wohlmöglich aber auch der letzte deutsche Hersteller scheint die Firma Hochmuth zu sein. Wie ist denn dein Kontakt zur Familie Hochmuth?

Ich kenne die Firma natürlich, seit inzwischen 25 Jahren. Sie ist in meinen Augen sicherlich nach wie vor weltweit führend. Der Seniorchef hat viele Patente entwickelt und ist ein Tüftler, der Torwarthandschuhe im Laufe der Zeit wirklich fortentwickelt hat. In einem so langen Zeitraum des Miteinanders gibt es gute, erfolgreiche Zeiten, aber natürlich auch `mal weniger tolle Tage, das ist aber vollkommen normal. Ich bin ja jetzt auch nicht unbedingt der perfekte Anwärter für den „Diplomatischen Dienst“, von daher teile ich aus und muss auch `mal etwas einstecken, kein Problem! Aber wir konnten uns bis heute immer aufeinander verlassen und Probleme wurden stets konstruktiv zur beidseitigen Zufriedenheit gelöst, sowas ist selten geworden in der heutigen Geschäftswelt.

POPEs - Sonderedition
POPE’s – Sondermodell made in Germany

Wie siehst du generell das Aussterben des Handschuhmacher-Berufs?

Wir leben grundsätzlich in einer Zeit, in dem viel zu viele das Studium einem Handwerksberuf vorziehen. Für mich sind die Abiturprüfungen heute auch viel zu leicht. In der aktuellen Coronasituation hat sich die weitestgehende Auslandsproduktion für wichtige Schutzkleidung beinahe schwer gerächt. Allerdings haben die Unternehmen aufgrund der hohen Produktionskosten hierzulande fast gar keine andere Wahl mehr.

Wenn du heute einen Handschuh nach deinen Vorlieben herstellen müsstest, wie würde dieser aussehen?

Innennaht, Haftschaumschichtel, Daumen regulär vernäht, Body aus Meshmaterial, klassiche Textilbandage, klassischer Haftschaumriegel aus Latex

Zu guter Letzt würde ich gern von dir wissen, was du dir in Zukunft wünscht und was du denkst wie die Handschuhe in zehn Jahren aussehen werden.

Ich wünsche mir von Herzen für uns alle, dass wir die aktuelle Krisensituation gesundheitlich unbeschadet überstehen und dass wir alle baldmöglichst wieder auf die Fußballplätze zurückkehren können. Wie Torwarthandschuhe in zehn Jahren aussehen, gute Frage!

Der eine oder andere Weltkonzern wird bestimmt wieder Produktmanager installieren, die zwar hervorragende Abschlüsse vorweisen, aber noch niemals einen Ball gefangen haben. Von daher scheinen den unsinnigen Verrücktheiten keinerlei Grenzen gesetzt. Einen ehrlichen Handschuh wird man vielleicht um Nuancen verbessern können, das Rad kann man jedoch in diesem Bereich nicht mehr neu erfinden.

Vielen Dank, Christoph.

Werbung

Werbung CM
Werbung Contact
Werbung HO Soccer